Sonntag, 6. Januar 2008

Gegenwert

Na gut, nöle ich doch noch ein wenig durch die Gegend, lasse mich doch noch ein wenig über eines meiner Lieblingsthemen aus, das Verschwinden schöner, aufwendig gestalteter Spieleverpackungen ...

Ja, ich gebe zu, dass auch ich einst ganze Verpackungen WEGGESCHMISSEN habe, weil ich mehr Platz im Regal haben wollte. Weil, es reicht doch, wenn ich die Disketten/CDs behalte und für eventuelle Handbuchabfragen einige Seiten kopiere, oder? Es wird mir heute noch fast schlecht dabei, wenn ich daran denke, was ich damals an Sammlerwert und vor allem Sammlerstolz ins Altpapier geworfen habe. Schande über mich!

Das war auch die Zeit, in der so allmählich das DVD-Format die sonst gebräuchlichen, großen Euroboxen abgelöst haben. Der Handel hat gejubelt, weil er mehr Waren in die begrenzt vorhandene Regalfläche stellen konnte. Ich habe gejubelt, weil ich nach der Arbeit noch schnell ein Spiel neben das Gemüse, den Reis, das Fleisch und den Rotwein stecken konnte und all diese Sachen in einer kleinen Aktentasche oder einer radtauglichen Umhängetasche unterbringen konnte. Denn als Nicht-Autofahrer (nicht so sehr aus Überzeugung, eher auf Grund nicht vorhandener Notwendigkeit) kann man nur selten via üblichen Wocheneinkauf den Laden leerräumen :)

Ja, es gab keine Stoffkarten mehr. Ja, es gab keine dicken Handbücher, keine Sammelkarten, keine Figuren, keine Gimmicks mehr. Wer braucht den Scheiss auch? Hmm? Staubt doch eh nur alles voll! Und als Valve die ersten Pläne für Steam ins Gespräch brachte, war und bin ich heute noch überzeugt davon, dass dies im Prinzip eine wundervolle Sache ist. Internet ist mittlerweile Standard, DSL ist sehr gut bezahlbar geworden und ISDN/Analog-Anbindung heute eher die Ausnahme als die Regel. Einfach und bequem per Mausklick ein Spiel bestellen und auf die Festplatte herunterladen.

Die Wirklichkeit hatte mit meinen Vorstellungen jedoch nicht mehr viel zu tun.

Zum einen muss ich für ein reines, aktuelles Download-Spiel die gleiche Summe (oder oftmals gar mehr) als für die klassische Retail-Version ausgeben. Man vergleiche als Extrembeispiel bitte die Preise für CoD4-Steam und CoD4-Retail auf zB. Amazon, Stand 06.01.08. CoD4-Steam kostet derzeit 69 Dollar. CoD4-Retail kostet auf Amazon 39 Dollar, heruntergesetzt von 49 Dollar. Neu. Als Spiel mit Verpackung, Datenträger, ohne Online-Aktivierungen und mit allem Drum und Dran. Noch Fragen?

Zum anderen bevorzuge ich es nach Möglichkeit Spiele zu kaufen und nicht Spielzeit zu mieten. So gut ich das Prinzip "Steam" (stellvertretend für alle anderen derzeitigen Plattformen) auch finde, so sehr hat es die damit verbundene Online-Aktivierung in meinen Augen unbrauchbar gemacht. Es genügt schon, dass ich mich mit Hardware- und Betriebssystemumgebungen herumschlagen muss, die ich jedoch trotz allem selber im Griff habe. Da will ich nicht noch zusätzlich von den Launen Dritter abhängig sein, wo ich gar keine Kontrolle mehr habe.

Wo ist der Gegenwert? Was unterscheidet ein Spiel, das ich für Geld bei einem Download-Poral ziehe, von einem Spiel, welches ich für umme andernorts aus dem Netz ziehe? Was bekomme ich denn für mein Geld? Eine bestimmte Anzahl von belegten Clustern auf meiner Festplatte und das Recht einen bestimmten Titel spielen zu dürfen, welches man mir aber jederzeit wieder entziehen kann. Und dafür soll ich Geld ausgeben? Dafür? Wenn die Download-Versionen wenigstens deutlich preiswerter wären als ihre Retail-Brüder und somit klarer wäre, dass ich hier nur eine Kopie miete und keine Kopie kaufe, um sie anschliessend zu besitzen ...

Wir Menschen sind trotz allen technischen Fortschritten immer noch zutiefst analoge Wesen. Unser Geist und unser Wesen wird immer noch von tief verwurzelten Instinkten und Gefühlen geleitet und nicht vom reinen Intellekt. Daran wird sich auch in den nächsten Jahrtausenden wohl wenig ändern. Es geht nichts über das Gefühl, etwas in den Händen zu halten. Etwas WIRKLICH zu besitzen und nicht nur ein Eintrag in einer Kunden-Datenbank zu sein.

Das haben auch die Publisher erkannt und bedienen mit den sog. "Special Editions" genau diese Nachfrage nach RICHTIGEN Gegenständen, die man in die Hand nehmen kann. Doch hier wird ebenfalls viel Unfug und Abzocke betrieben, den Leuten billiger Plastikscheiss für deutlich teureres Geld angedreht. Es gibt nur wenige dieser Editionen, die ihr Geld wert sind. Die "Special Edition" von Age of Mythology, die hier zB. im Regal steht, die ist ihr Geld wert gewesen. Oder dieser fette, tiefschwarze Brickett der Warcraft 3-Ausgabe. Ja, so lasse ich mir das gefallen! Auch den höheren Preis. Denn das ist GEGENWERT! Wenn ich jedoch die normale US-Ausgabe von Ultima IX aus dem Jahre 1999 betrachte, so gänzlich ohne "Special"- oder "Collectors"-Gebruzzel und sie mit heutigen Spieleverpackungen vergleiche, dann bekomme ich heute für Spiele, rein materiell betrachtet, deutlichst weniger Gegenwert. Alles der Gewinnmaximierung geopfert ...

Betrachte ich hingegen mein eigenes, kleines Unternehmen, so erzielen Titel mit vollständig und gut erhaltenen Verpackungen, mit allen zusätzlichen Gimmicks und Schnickschnack, die es damals zum Release gab, hohe Preise. Sehr hohe Preise sogar, obwohl man selbst diese älteren Spiele locker-lässig via Bittorrent oder ed2k dutzendweise aus dem Netz ziehen kann.

Gegenwert! Ganz wichtig, will die Spielebranche nicht eines Tages den Weg der Musik-Major Labels gehen, die in den letzten 10 Jahren konsequent ihre eigenen Produkte entwertet haben, weil man dachte, dass der Kunde sowieso alles kauft, was man auf den Markt wirft ...